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„Sendung für die Maus“ für Erwachsene

Samstag, 3. Oktober 2009

= ZDF heute journal

Die Sucheingabe „Sendung für die Maus für Erwachsene“ bringt bei Google ungefähr 5.190 Treffer. Gibt man zusätzlich „heute journal“ ein, reduziert sich das Ganze schon auf „ungefähr 1.060“ Treffer.

Diese Bezeichnung des ZDF-Nachrichtenflaggschiffs ist also offenbar nicht ganz neu. Aktuell bedienten sich dieser zutreffenden Kategorisierung – und dadurch ist er mir aufgefallen – Alexander Kissler im Magazin Cicero (und der ihn auf der Achse des Guten zitierende Eckhart Frey):

Woraus besteht das ZDF des Jahres 2009? Aus Gefühlsmanagement, das für Journalismus ausgegeben wird, und aus Kitsch und Klimbim, die Unterhaltung sein sollen. Besonders eindrücklich ist die Verwandlung des einstigen Nachrichten-Flaggschiffs „heute journal“ in eine „Sendung mit der Maus“ für Erwachsene – zumindest dann, wenn Marietta Slomka moderiert. Fast jede Nachricht präsentiert sie im Gestus des altklugen Kindes.

Die Eröffnung führt hinein in Mariettas bunte Welt. „Auch heute war wieder Krise“, lautet ein typischer Eingangssatz, oder „Das war heute wieder ein Tag mit schlechten Nachrichten“. Es folgen die Überlegungen eines strebsamen Mädchens, das sich für uns, dem Lehrer in der „Feuerzangenbowle“ gleich, janz, janz dumm stellt. „Soll Opel am Ende verstaatlicht werden? Und was heißt das überhaupt?“ Spätestens jetzt schraubt ihre Stimme sich nach oben. Ja, „was heißt das überhaupt?“ Den Beitrag fasst sie zusammen mit „schwierige Sache“.

Ein Filmchen über den kalifornischen Gouverneur Schwarzenegger nutzt Slomka zum Scherzwort. Er sei „schon längst kein Superheld mehr, sondern“ – kurze Pause, Stimme wandert nach oben – „Politiker“. Von solcher Art sind die Witzelchen im Nachrichtenmagazin des ZDF: gestern Held, heute Politiker, was für ein Abstieg, hahaha.

Den klügelnden Anmoderationen folgen Lach- und Sachgeschichten. Ob die Krise bei der Nordbank erklärt, eine mögliche Pleite der Bundesrepublik erörtert oder die Problemlage bei Opel dargelegt werden soll: Die Filme beginnen mit einer großen Portion human touch, mit dem Einzelfall, dem Arbeiter, der Hausfrau, dem Großgrundbesitzer, zu dem sie zyklisch zurückkehren. Dazwischen spricht ein Experte.

In der Mitte des Filmchens explodieren die Farben, schwirren die Formen durcheinander. Klötzchen sollen Anteilsverhältnisse anschaulich machen, Spielzeughäuser symbolisieren Auf- und Abschwünge, Spielzeugpanzer deuten auf Heeresgrößen. Der Zeichentrickfilm ersetzt die politische Analyse. Bezeichnenderweise führte das Regiment bei der optischen Runderneuerung von „heute“ und „heute-journal“ ein Grafikredakteur von „logo“. So heißen die Kindernachrichten im ZDF.

Das neue Design ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zur allumfassenden Infantilisierung. Nicht erklären, nur zeigen wollen die Männer und Frauen der Nachrichtenabteilung. Satte 30 Millionen Euro Gebührengeld setzte man für das neue Studio in den Mainzer Sand. Im 690 Quadratmeter großen Raum ist der Moderator Teil der Kulisse. Der Computer berechnet dreidimensionale Modelle, die so schlicht geraten sind, dass sie peinlich berühren. Dem Jubiläum des Mondflugs etwa nähert man sich mit einem kleinen Planetenabbild, auf das der Moderator zuschreitet. Ein winziges Flugzeugmodell und ein winziges Raketenmodell dürfen dann ihren sekundenkurzen Flug Richtung Kunstmond antreten. So lernt man, dass ohne Geschwindigkeit der Mensch nicht vom Fleck gelangt. Derart überhand nehmen die Effekte, dass die Inhalte unerheblich werden. An einem Samstagabend waren die wichtigsten Nachrichtengeschichten: ein Erdrutsch in Sachsen-Anhalt, die Schweinegrippe auf Mallorca, das Verbot der Himmelslaternen in Nordrhein-Westfalen.

„Powered by emotion“ war einmal das Motto von Sat.1. Heute bemüht sich das ZDF, in dieser klebrigen Disziplin die Marktführerschaft zu erlangen. Darum gerieten die Berichte von der Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten zu Barack-Obama-Jubelfestspielen. Slomka stand unter Washingtons kaltem Himmel. Die vom ZDF als Reporterin eingekaufte Schauspielerin Dennenesch Zoudé tummelte sich auf der „National Mall“. Dank Zoudé weiß der Gebührenzahler, „es war einmalig, hier in der Menge zu sein. Wir hatten hier eine solch emotionale Stimmung, dass selbst mir die Gänsehaut gelaufen ist. Ich muss auch ehrlich sagen, ich hatte Tränen in den Augen. Es war einfach unglaublich.“ Zoudé legte nach: „Leute habe ich gesehen, die geweint haben – große, starke Männer, die gebebt haben vor Emotionalität, endlich diesen Tag erleben zu dürfen. Die Leute sind einfach euphorisch. Ja, es ist vollbracht.“ Der Messias muss herniedergestiegen sein in Washington, das ZDF erkannte ihn an der Verwandlung von Muskeln in Tränen.

Nichts ist einzuwenden gegen den Gang in die Menge. Alles aber ist einzuwenden gegen ein Nachrichtenprogramm, das sich darin erschöpft, gefühlig über Gefühle zu berichten und sich gemein zu machen mit der Stimmung des Augenblicks. Für pures Einverstandensein wurde der Journalismus nicht erfunden.

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